Valerie in Ecuador

Wie ich ja schon erwähnt habe, war für den Januar geplant, einen Monat fern von meiner eigentlichen Arbeit in Quito Englischunterricht an einer Grundschule einer Küstengemeinde zu halten. So machte ich mich also am 7. Januar mit einer achstündigen Busreise auf den Weg, um fast zwei Monate in einer völlig gegensätzlichen und unbekannten Welt zu leben.
Unter der Woche sollte ich in der oben erwähnten Gemeinde (genannt „las Yucas“) leben, an den Wochenenden war geplant, einige Jugendgruppen in verschiedenen Dörfern der Küstenprovinz Manabí kennenzulernen.
So standen am ersten Wochenende auch schon Kino, eine Reunion (Versammlung, Besprechung) einer Jugendgruppe, ein Ausflug zu den Wasserfällen und die erste Party an. Schon am zweiten Abend kam ich in den Genuss der fehlenden Privatsphäre, die in Manabí Gang und Gebe ist. Ich schlief nämlich in einem Haus, dessen innere Wände wie so oft nicht bis ganz an die Decke gehen, sondern ungefähr 80 Zentimeter Luftraum lassen, um jedes kleinste Geräusch, Gespräch und jede Tätigkeit der anderen Hausbewohner mitzubekommen. Fensterscheiben gibt es so gut wie nie, aber das ist bei der unerträglichen Hitze dort auch nicht unbedingt notwendig. Vor den unzähligen Mücken schützt jedes Bett ein Moskitonetz.
Als ich dann jedenfalls nach der besagten Party so leise wie möglich das Haus betrat, mir die Zähne putzte (es war übrigens auch das erste Haus ohne fließendes Wasser, was mich schon mal auf die kommenden Wochen vorbereitete) und schließlich müde im Bett lag, ertönte Dionicios Stimme von nebenan – und es hörte sich an, als läge er direkt neben mir: „Alles gut, Valerie? Wie war die Party?“. Da haben die halbhohen Wände wohl kein Geräusch meiner schleichenden Bewegungen abgehalten…
Nach diesem ereignisreichen Wochenende ging es dann zum ersten Mal in die Yucas. Christian, Mayra und ich nahmen die fast zweistündige Fahrt mit dem Auto auf uns und verließen die Provinzhauptstadt Portoviejo. Nach und nach wurde die Gegend immer ländlicher, und irgendwann fuhren wir nur noch auf einem Schotterweg, bis uns ein verdrecktes Schild den „Eingang der Yuca-Gemeinde“ ankündigte. Nach weiteren Minuten, schon im Areal der Gemeinde, erreichten wir das erste Haus, welches sich als jenes meiner Gastfamilie entpuppte: ein nettes Bambushüttchen auf hohen Stelzen.
Danach folgten weitere Häuser, meistens im Abstand von 30 bis 200 Metern, manchmal versteckt hinter vielen Dschungelpflanzen.
Schon bei den Häusern fängt die unterschiedliche Lebensweise an: Keines von ihnen ist aus Zement, sondern alle sind aus dieser Art von Bambus gebaut und stehen auf ungefähr vier Meter hohen Stelzen, sodass unter ihnen Platz fuer Waescheleinen, Haengematten, das Klo und die Dusche ist. Das Haus wird von meiner Gastmutter glücklicherweise ziemlich sauber gehalten.
Achja, vielleicht sollte ich auch mal meine Gastfamilie erwähnen, bestehend aus Mutter, Vater, Sohn (neun Jahre) und drei Töchtern (18, 16 und zwölf Jahre); alle richtig nett! Die Gastmutter war total fürsorglich und hat sich ziemlich um mein Wohl bemüht. In der ersten Nacht meinte sie, dass ich gerne eine ihrer Töchter wecken könnte, falls ich Angst hätte und nicht allein im Bett schlafen wollte. Auch nahm sie meinen erschreckten Schrei wahr, als ich die erste Riesenspinne zwischen den Bambusstäben an meiner Wand entdeckte – sie erschlug die Spinne heldenhaft (das wollte ich gar nicht…).
Auch die restlichen Familienmitglieder sind echt nett.
 
Das Leben in den Yucas ist so anders, dass ich mich erstmal an weitere unbekannte Eigenarten und Lebensarten gewöhnen musste.
Das dreimalige Reisessen am Tag gehört schon mal dazu; nachmittags gibt es dann zusätzlich noch eine vor Fett triefende Empanada (Teigtasche mit Käse gefüllt); kein Wunder, dass man da dick wird… Nicht selten wurde auch eine Suppe mit Hühnerfüßen zubereitet, deren Zehen dann einzeln abgeknabbert werden (ich habe mich da zurückgehalten).
Es ist auch mal ein interessantes Gefühl, in einer Küche zu stehen, die zwar ein Dach, dafür aber keine Wände hat, und um sich herum nur Bäume, Natur, Tiere und Urwald zu sehen. Das Zähneputzen wird ebenfalls in der Küche erledigt, mit Wasser kann man sich aus den großen Eimern bedienen. Dass es dieses nicht fließend gibt, muss ich bestimmt nicht erwähnen. Wenn man fertig ist mit Putzen, spuckt man einfach aus der Küche runter auf den Lehmboden.
Um auf die Toilette zu gehen, verlässt man das Haus nach unten ins Freie. Die Sauberkeit des Hauses, die ich eben noch betont habe, trifft leider nicht auf das Klo zu. Die ehemalig weiße Schüssel befindet sich hinter beschmutzten Vorhängen und stinkt wirklich bestialisch. Die meiste Zeit, besonders bei brütender Hitze, wird man von Fliegen und anderen Insekten umschwirrt.
Nicht minder gesellig geht es in der “Dusche” zu, die sich direkt neben dem Klo befindet. Ebenfalls abgedeckt von einem Vorhang, der sich bei genauerem Hinsehen als Wolldecke entpuppt, lassen nur die großen, mit Flusswasser gefüllten Eimer etwas von einem Duschplatz erahnen. Man bedient sich dann einfach mit einem rostigen Topf aus den Bottichen. Ich bin jedenfalls nie alleine; Hühner, Katze und Hund schauen ab und zu mal vorbei und meistens begleitet mich auch ein kleines schwarz geflecktes Ferkelchen, das sich neben mir im Dreck suhlt.
Die Nacht hier kann auch zu einem Erlebnis werden. Das Haus ist weder abgedichtet gegen Spinnen und kleine Ameisen, noch gegen alle möglichen Geräusche von draußen. Letztens zum Beispiel bin ich mitten in der Nacht aufgewacht, weil ich am Abend davor viel getrunken hatte und zur Toilette musste. Erst versuche ich mir einzureden, es noch bis zum nächsten Morgen auszuhalten, doch das stellte sich als ein Ding der Unmöglichkeit heraus. Ehe ich mich aufraffen konnte, im Stockdunkeln das Klo aufzusuchen, lauschte ich noch etwas dem Eselkonzert, das sich draußen ereignete (Esel an verschiedenen Orten antworten sich gegenseitig mit wiehernden Rufen). Beim Aufstehen bemerkte ich mit Schrecken die gefühlten zehn Riesenspinnen an meinen Zimmerwänden, die ich mit meiner Taschenlampe anleuchtete. Der Schrecken verwandelte sich aber zum Glück nicht in Angst, da ich auf mein Moskitonetz vertraue, welches mich nicht nur vor ungewolltem Mückenbesuch schützen soll.
Andere Geräusche, die nachts von draußen erschallen können, sind ohrenbetäubender Regenfall, Hahnengespräche am frühen Morgen und Katzen (oder war es ein Affe?), die ohne Ankündigung auf das Wellblechdach meines Zimmers springen und tosenden Lärm verursachen.
Ganz ungefährlich soll es draußen während der Nacht wohl auch nicht sein. Zwar braucht man keine Angst vor Überfällen u.ä. zu haben, wie es in Quito der Fall ist, jedoch können einem gefährliche Schlangen begegnen. Eines Tages wurde auch ein Mann von einer giftigen Schlange gebissen und musste dann in Windeseile ins zwei Stunden entfernte Krankenhaus gebracht werden.
Es bleibt noch zu erwähnen, dass innerhalb der Gemeinde keinerlei Busse fahren und man auf einen der fünf Mal täglich fahrenden Busse am Eingang der Gemeinde warten muss, um ins nächste Dorf zu kommen.
 
Mein Tagesablauf sah meistens ähnlich aus: Morgens habe ich von 8 bis 11 Uhr den Kindern in der Grundschule Englisch unterrichtet (Fußmarsch von einer halben Stunde, den man bei Regen wegen des knöchelhohen Matsches nur mit Gummistiefeln bewältigen konnte; gelegentlich sind wir auch zu Pferd geritten), danach gab es um 11.45 Uhr auch schon Mittagessen. Das Abendessen ließ dann bis 19.30 Uhr auf sich warten, in der Zwischenzeit herrschte meistens eine so unerträgliche Hitze, dass man sich kaum bewegen wollte. Selbst für den alltäglichen Mittagsschlaf war es manchmal zu heiß.
Nachmittags sind meine Gastgeschwister und ich hin und wieder zu Verwandten gegangen (ich glaube, die ganze Gemeinde ist irgendwie verwandt; es gibt wahnsinnig viele Cousins und Cousinen und auch die Nachnamen wiederholen sich ständig in verschiedenen Kombinationen) oder ich habe den Nachbarn einen Besuch abgestattet und mit den Kindern Volleyball gespielt. Ab 17 Uhr versammelten sich auch alle Männer und Jungs der Gemeinde, um gemeinsam vor unserem Haus Volleyball zu spielen.
Irgendwann war es auch nichts Besonderes mehr, wenn jede Woche für zwei Tage der Strom ausfiel. Dann wurden abends eben Erdnüsse geknackt oder Karten gespielt. Ich war sogar öfters ganz froh über den Stromausfall, da mir so das allabendliche, unglaublich langweilige Fernsehprogramm erspart blieb.
 
Ich muss sagen, dass ich mich zu Beginn meines Aufenthaltes oft einsam gefühlt und mich zurück nach Quito gesehnt habe. Das lag einfach daran, dass ich in eine komplett andere Welt hineingeworfen wurde, dort zunächst niemandem vertraut war und mich total fremd gefühlt habe. Aber mit der Zeit werden die Gesichter vertraut und man gewöhnt sich mehr an das andere Leben.
Außerdem konnte ich mich immer auf das Wochenende freuen, die ich oft ziemlich aktionsreich verbrachte (zum Beispiel sind wir abends an den Strand gefahren, um dort in einer Disco unsere Hüften zu schwingen und anschließend direkt am Meer mit Lagerfeuer zu zelten).
 
Zurück zum Unterrichten: Das hat mir im Großen und Ganzen schon Freude bereitet, wenn die Kinder nicht schreiend durch die Klasse liefen oder Papierzettelchen durch die Luft warfen. Da ging es mit meiner Geduld schon manchmal an die Grenzen. Aber wenn dann mal alle leise waren und ich gemerkt habe, dass manche Kinder wirklich etwas gelernt haben, war ich wieder besänftigt.  Insgesamt ist es ziemlich schwierig, den Kindern dort etwas beizubringen, weil sie es nicht gewohnt sind, viel zu lernen.
Das Bildungsniveau ist generell ziemlich niedrig. Viele Menschen haben nicht mehr als ihre Schulbildung, die mit 16 Jahren beendet ist und leben ihr ganzes Leben lang in ihrer Gemeinde, vielleicht ohne sich wirklich bewusst zu sein, dass es noch andere Möglichkeiten, ein anderes Leben gibt. Meine 18-jährige Gastschwester ist gerade verheiratet und schwanger, sie lebt mit ihrem Ehemann bei dessen Eltern. Bei einem Gespräch mit ihr habe ich sie gefragt, was sie denn den ganzen Tag lang macht, ihre Antwort darauf war: “Ich helfe meiner Schwiegermutter beim Kochen und beim Haushalt.”
Im Gegensatz dazu haben die anderen beiden Gastschwestern vor, nach der Schule zu studieren.
Abgesehen von der Schule haben die Jugendlichen hier keine Möglichkeit, sich zu beschäftigen; weil sie nichts zu tun wissen, fangen die Mädchen meistens sehr früh an, Beziehungen mit Jungen einzugehen und heiraten dementsprechend früh, manche schon mit 16 Jahren. Bei den Jungen ist es ähnlich, sie sehen ihre Aufgabe darin, ein Mädchen als spätere Frau zu finden, Arbeit haben sie auf dem Land ihrer Väter.
Unter diesen Umständen wurde ich von einem Kolpingmitarbeiter vorgewarnt, dass mich die männlichen Jugendlichen hier nur mit diesen Augen betrachten und behandeln werden. Dieser Umstand hat sich auch direkt von Anfang an bewahrheitet, was hin und wieder schon mal zu unangenehmen Situationen führen konnte.
Ebenfalls wurde mir gesagt, dass es für eine Gemeinde wie diese etwas Außergewöhnliches ist, Englischunterricht an einer Grundschule zu erhalten, noch dazu von einer Ausländerin. Dadurch würde ich verhelfen, Ihnen einen Blick für die Außenwelt und die Notwendigkeit einer guten Schulbildung zu verschaffen.
Die fehlende Bildung ist mir immer besonders stark aufgefallen; das hat zum Beispiel damit angefangen, dass keiner der Dorfbewohner das Land Deutschland kannte und es zudem für sie unmöglich war, sich andere Gegebenheiten als die in ihrer Welt vorzustellen. Dennoch hat das Interesse an dem fremden Land und meinem Leben dort keineswegs gefehlt, ich wurde oft genug – besonders von meinen Gasteltern – darüber ausgefragt.
 
Alles in allem habe ich dort wirklich eine super schöne Zeit verbracht, obwohl ich dort bisher das meiste Heimweh bzw. eher Einsamkeitsgefühl verspürt habe. Dementsprechend traurig fiel auch der Abschied aus… Am letzten Abend wurde eine richtige Party für mich organisiert, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte und auf der fast ununterbrochen zu den ecuadorianischen Klängen getanzt wurde. Der Abschied am nächsten Tag blieb mir natürlich nicht erspart und vor meiner Abreise merkte man allen eine leichte Bedrücktheit an. Als ich mich dann schließlich ins Auto setzte, konnte meine Gastmutter ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch ich war kurz davor, einige Tränen zu vergießen, doch schaffte es noch, mich zusammenzureißen.