Caroline in Ghana

Caroline nahm 2010/2011 erst an einem Workcamp in Koforidua teil und leistete dann einen Freiwilligendienst in Agona Swedru. Hier ihre Erlebnisse...

Workcamp:
Die ersten drei Wochen habe ich im Workcamp in Koforidua verbracht. Das Camp ist von meiner Entsendeorganisation Kolping und ARA ("Agricultural and Rural Development Association", meiner Betreuungsorganisation vor Ort) organisiert worden. Normalerweise ist es für Abiturienten oder Studenten als Ferien bzw. Semesterferienprogramm mit interkulturellem Bezug gedacht. Ich habe es mir zusätzlich als Einstieg zu meinem Auslandsjahr ausgewählt, um nicht ganz ins kalte Wasser geworfen zu werden.
In einem Workcamp arbeiten Ghanaer und Deutsche zusammen in sozialen Projekten, um gegenseitig voneinander zu lernen und mit den Kulturen in Kontakt zu treten. Unsere Gruppe bestand aus 13 Deutschen, 18- bis 23-jährigen Schülern und Studenten. Die ghanaische Gruppe bestand aus ungefähr genauso vielen und war vom Altersdurchschnitt etwas älter.
Die Ghanaer kamen aus Accra, Koforidua oder aus meiner jetzigen Stadt Swedru. In der Campzeit haben wir in einem Gebäude einer Schule im Dorf Oyoko, nahe Koforidua, gelebt. Wir hatten Gruppenräume von etwa sechs Personen, und wir haben auf ganz einfachen Schaumstoffmatratzen auf Hochbetten geschlafen. Wir wurden am Anfang des Camps in Teams eingeteilt, so dass man sich rotierend um das Kochen, das Säubern, das Wasserholen oder das Geschirrwaschen gekümmert hat. Wir sind jeden Morgen so gegen sechs aufgestanden und sind dann gegen neun Uhr in die Projekte gefahren.
Als Projekte hatten wir das Entfernen von Unkraut mit Macheten auf dem Schulgelände, wo wir gelebt haben, Unkraut im Krankenhaus entfernen, Kanäle im Krankenhaus säubern, das Streichen einer Grundschule und in einem Waisenhaus einen Zaun und Bete bauen. Gegen Mittag waren wir meistens wieder zurück im Camp, und der Nachmittag stand uns in den meisten Fällen zur freien Verfügung. Wir waren oft in Koforidua, da wir etwas abseits lebten, oder haben Ausflüge gemacht. Wir waren zum Beispiel bei wunderschönen Wasserfällen und haben ein Institut für Kakao besucht. Mit dem Klima bin ich auch recht schnell klargekommen. Im Moment sind wir in der Regenzeit, das heißt, dass es hier sehr oft ziemlich stark schüttet. Es ist dann sehr schwül. Ich genieße es total, es macht - wenn man sich drinnen befindet - eine ganz gemütliche Stimmung, wie in Deutschland bei Schnee.
Es war echt eine super Stimmung im Camp. Da man alles gemeinsam unternommen hat, war recht schnell die Scheu weg, und wir waren ein richtig großes Team. Ich würde einige Teilnehmer mittlerweile auch zu meinen Freunden zählen.
An den Wochenenden im Camp haben wir nicht gearbeitet. Abends waren wir öfters im Pub oder haben es uns im Camp gemütlich gemacht. Ein ghanaischer Pub ist einfach ein überdachter Bereich mit Plastikstühlen, wo außer einem selbst in den meisten Fällen niemand ist. Die Musik ist extrem laut und ist größtenteils Popmusik. Wir hatten immer unglaublichen Spaß, da die Ghanaer das Tanzen einfach im Blut haben und die Stimmung dadurch immer ziemlich hoch gerissen wurde.
Nach den drei Camp-Wochen findet immer eine Reise-Woche für die deutschen Teilnehmer statt. In unserem Fall wurde die traditionelle Stadt Kumasi und die Küstenstadt Cape Coast besucht.
Es ist so ein genialer Einstieg gewesen, denn so bin ich mit der ghanaischen Kultur sanft in Verbindung gekommen. Besonders freut mich, dass ich nun schon ghanaische Freunde hier habe.
 
Meine Gastfamilie:
Ich bin nun seit etwa sieben Wochen in meiner Gastfamilie und fühle mich schon richtig zuhause. Ich wohne in Agona Kwenyako, das liegt etwa 20 Minuten von der größeren Stadt Agona Swedru entfernt. Ich wohne in einem richtigen Dorf auf einem Schulgelände, wo meine Gastmutter Lehrerin ist. Meine Familie besteht aus dem Vater Mr. Hansson, der Frau Rosemary und zwei Kindern Kofi, elf Jahre, und Maameekua, neun Jahre. Bei uns wohnen außerdem noch ein Lehrer und vier Schüler (17 bis 18 Jahre). Wir wohnen in einem recht großen Haus, das die Familie von der Schule angemietet hat. Draußen haben wir eine Ziege, um die 40 Hühner und unseren Hund Smart.
Mit Ama, eine der vier Schüler, teile ich mir mein Zimmer. Am Anfang fand ich es ein wenig schade, kein eigenes Zimmer zu haben, jetzt empfinde ich es sogar ganz angenehm, jemanden um mich herum zu haben. Tagsüber ist sie gar nicht da, denn sie verkauft Snacks in der Schule. Sie hat den Deal mit den Eltern, dass sie tagsüber verkauft und dann die Kosten für ihre Schule von 17 bis 20 Uhr von den Eltern übernommen werden. Die anderen drei gehen tagsüber in die Schule und arbeiten dafür viel im Haus mit, kochen und verkaufen am Wochenende und in den Ferien Taschen auf dem Markt. Vor den Vieren habe ich echt unglaublichen Respekt, denn viel Zeit zum Relaxen, Lernen und individuelle Entfaltung bleibt denen nicht. Für mich scheint es so, als sei Schule nur ihr Nebenjob. Meine Gastmutter ist eine sehr liebe, aber wenn sie mit ihren Schülern oder den vier Teenies spricht, auch eine sehr dominante Frau.
Allgemein werde ich von allen echt extrem respektvoll und herzlich behandelt, so dass ich mich auch richtig als Familienmitglied fühle. Man muss dazusagen, dass ich auch bereits die zehnte Freiwillige bin und die Familie somit schon reichlich Erfahrungen hat.
Mein Zimmer habe ich mir auch schon richtig wohnlich eingerichtet. Meine Zimmerfarbe ist Mintgrün und ich habe als Boden eine Plastikfolie, mit geschenkpapierartigem Muster, um nicht auf dem kalten Beton wohnen zu müssen. Ich habe luxuriöser Weise ein Doppelbett, auf der einen Hälfte schlafe ich, auf der anderen liegen meine Klamotten. Denn noch habe ich keine Möglichkeit die Klamotten aufzubewahren, denn bei der Schwüle wird es angeblich im Koffer sehr schnell muffig. Ich habe auch einen Schreibtisch und einen Stuhl. Dort kann ich super Tagebuch schreiben, meinen Unterricht vorbereiten und Kleinigkeiten platzieren. An der Wand habe ich die Hamburg-Flagge mit den Unterschriften meiner Freunde und Fotos angeklebt. Ich hab auch ein sehr kitschiges Porträt in einem goldenen Rahmen von mir, das einer der ghanaischen Freunde aus dem Workcamp mir geschenkt hat.
Ich bin echt vollkommen versorgt mit dem, was ich habe. Mir wird erst jetzt bewusst, wie reich man in Deutschland an Habseligkeiten ist. Insgesamt würde ich meine Gastfamilie als recht wohlhabend und gebildet einstufen. Der Vater ist Ingenieur und die Mutter Lehrerin. Zurzeit arbeitet der Vater nicht, sondern studiert am Wochenende in Accra. Es wird von allen, sogar beiden Eltern, ein super Englisch gesprochen. Ich bin sehr glücklich, denn so kann ich mit allen super kommunizieren. Einige andere Freiwilligen können nur mit den Kindern sprechen, die den Eltern dann alles übersetzen. Zuhause wird auch echt viel Englisch gesprochen, sehr angenehm, so versteh ich auch, was die Geschwister untereinander reden. Allgemein muss ich auch sagen, so zuvorkommend wie ich behandelt werde, bin ich mir richtig sicher, dass die Familie die Aufnahme der Freiwilligen gerne macht.
In unserem Haus haben wir sogar eine richtige Toilette, außer dass man das Toilettenpapier in einen Mülleimer packt, ist sie europäisch. Mit Ausnahme von einer anderen Freiwilligen bin ich die Einzige, die diesen Luxus hat. Ich weiß es auch immer mehr zu würdigen. Wir haben auch eine Dusche, ich dusche trotzdem oft mit dem Eimer, weil man sich nach so einem Reinigungsprozess mit Eimer so richtig gewaschen fühlt.
 
Wochenende:
An Wochenende unternehme ich oft Ausflüge mit Freunden. Wir sind meistens eine durchmischte Gruppe von Ghanaern und Deutschen. Ziele sind zum Beispiel der Strand von Winneba oder die Hauptstadt Accra. In Accra war ich jetzt schon öfter, weil sich die zwei- bis dreistündige Fahrt echt lohnt. Wenn ich zuhause bin, gehe ich sonntags immer mit in die Kirche. Ich bin in der Victory Baptist Church, einer Gemeinde von etwa 20 Leuten. Am Anfang war es für mich sehr unentspannt, weil ich mich die ersten Male der Gemeinde präsentieren musste und ich mir immer sehr beobachtet vorkam. Bei einer Kirche, so groß wie ein Wohnzimmer, ist nicht viel mit Anonymität. Mittlerweile gehe ich sogar ganz gerne mit, denn die Stimmung ist sehr freudig. In der Kirche selbst befinden sich nur ein Altar, ein Keyboard, ein Verstärker, eine Trommel und Bänke zum Sitzen. Der Gottesdienst ist wirklich sehr musikalisch, oft spielt mein Gastvater, bevor er zur Uni geht, das Keyboard. Sehr kitschig, aber auch unglaublich niedlich.
Das Tanzen war mir am Anfang sehr unangenehm, da ich, wie gesagt, sehr beobachtet wurde. Mittlerweile ist der tanzende Obroni nicht mehr so eine Attraktion, so dass es für mich angenehmer geworden ist. Der Gottesdienst wird meistens zur Hälfte in Fanti und zur Hälfte in Englisch gehalten, so dass ich schon noch bisschen was von der Botschaft des Gottesdienstes mitbekomme. Die Kollekte ist allerdings nicht so nach meinem Geschmack, denn es wird vorne etwas aufgestellt, und dann tanzen alle hin und spenden. Es ist bei diesem Weg einfach sehr offensichtlich, wer spendet und wer nicht.
 
Verpflegung:
Das Essen ist unglaublich lecker, es wird in meiner Familie sehr vielfältig gekocht. Ich esse morgens und abends in der Familie, mittags esse ich in der Schule oder kaufe mir etwas auf dem Weg. Wasser trinkt man hier aus so kleinen Plastiktüten, wo jeweils 500 ml enthalten ist. Denn das Leitungswasser sollte man ungefiltert auf keinen Fall trinken. Zum Frühstück esse ich meistens Oat, eine breiartige Masse oder Brot. Manchmal kriege ich auch einen Rocky, das ist ein vollkornartig schmeckender Muffin. Mittag esse ich in der Schule, dort gibt es vier Mahlzeiten die immer rotieren. Die ghanaischen Gerichte sind allerdings sehr kohlenhydratreich. Meistens ist man einen Kloß, aus den unterschiedlichsten Getreideformen mit einer ölhaltigen Soße. Zum Glück kann ich mir in meiner Familie selbst auffüllen, in anderen wird aufgefüllt und das Nichtaufessen wird meistens als unhöflich empfunden. - Bei den ghanaischen Portionen ein richtiger Kampf. Die Soßen sind sehr lecker, häufig ist auch Fisch dabei.
Besonders lecker ist der frisch gepresste Orangensaft, den wir jeden Abend trinken. Beim im Helfen im Haushalt werde ich nicht wirklich gelassen, ich werde meistens selbst beim Abräumen des Tisches gestoppt. Beim Kochen gucke ich oft einfach so zu, weil sich meistens eh alle in der Küche aufhalten. Das Waschen habe ich mittlerweile auch echt drauf, meine Haut scheuert zwar immer etwas auf, aber ich träume beim Waschen meistens richtig gemütlich weg. Abgesehen davon, dass die Farbe langsam verbleicht und einige Flecken ohne Hitze nicht herausgehen, funktioniert das Waschen mit der Hand super.
 
Projekt:
In meinem Projekt bin ich nun seit gut einem Monat. Ich bin in der Swedru International School (kurz: SIS), einer Schule mit Kindergarten, Grundschule und weiterführender Schule. Ich bin in der Grundschule in den beiden fünften Klassen tätig. Die Schule ist von 7.30 bis 16 Uhr. Ich selbst komme meistens gegen acht Uhr, wenn die Morgenversammlung für die Grundschüler beginnt. Gegen 9.30 marschieren alle in ihre Klassen und der Unterricht beginnt.
Um zur Schule zu kommen, nehme ich mit meinen Gastgeschwistern ein TroTro, das ist ein Hyundai Bus für etwa zwölf Personen und fahre von Kwenyako aus etwa 20 Minuten zur Schule. Der reguläre Unterricht geht bis 14 Uhr, danach sind Extra Classes, Wiederholungen in allen Fächern. Ich selbst bin nicht eingeteilt und kann dann gegen 14 Uhr nach Hause gehen. Ich bin nun in der 5 A und B für "Intergrated Science" verantwortlich, da ich beim Direktor mein Interesse für Geographie und Biologie gezeigt habe. Integrated Science schließt Biologie, Physik und Chemie ein.
In "Creative Arts" assistiere ich einem der Lehrer. Zu Beginn sollte ich eigentlich auch in Integrated Science nur assistieren, der Lehrer hat allerdings spontan gekündigt, so dass ich nun allein verantwortlich bin. Ehrlich gesagt, ist das Unterrichten ziemlich kräftezehrend und ich bin mit mir selber noch nicht ganz zufrieden. Denn die Kinder sind so sehr an den Stock gewöhnt, dass sie alle anderen Strafen wie "rausgehen", "mehr Hausaufgaben", "in die Pause hinein arbeiten" oder "einen ganzen Zettel mit 'ich störe nicht mehr' voll schreiben", nicht als gravierende Strafe sehen. Beziehungsweise ist die Dominanz, die ich ausstrahle, im Gegensatz zu den ghanaischen Männern und Frauen deutlich geringer. Hinzukommt, dass in der vierten und fünften Stufe üblicherweise gar nicht von Frauen unterrichtet wird. Am Anfang war auch mein Manko, dass ich die Namen noch nicht konnte und so schwer explizit einzelne Schüler verwarnen konnte. Mittlerweile habe ich mir alle Namen angeeignet und kann alle gut voneinander unterscheiden. Ich arbeite jetzt eher mit dem Belohnungs- als mit dem Bestrafungssystem. Ich habe in Deutschland zwei Päckchen glitzernde Konfettifiguren gekauft, die ich nun jeden Freitag für die fleißigen Schüler verteile.
Es ist echt süß, wie viel Wert sie mittlerweile auf die Schmetterlinge legen. Ich habe mir nämlich Listen gemacht, in denen ich für jede Stunde Mitarbeit, Hausaufgaben und die Notizen der Stunde bei den einzelnen Schülern bewerte. Ich trage es in mein Buch ein, so dass es auch für die Schüler sichtbar ist, wo sie jeweils in der Punktebewertung stehen. Ich merke richtig, wie ehrgeizig einige geworden sind und wie viel Wert sie auf das Eintragen der Punkte in der Liste legen. Ich werde richtig geprüft, ob ich nach dem Abhaken der Stundennotizen auch ein Plus in die Liste trage. Allerdings muss ich sagen, dass ich die faulen Schüler mit dieser Methode noch nicht so ganz mit ins Boot kriege.
Über jedes einzelne Thema schreibe ich mit den Schülern auch einen Test. Unsere ersten Themen waren Blumen, Flächeninhalte und Volumen von Figuren und jetzt der Körper und seine Systeme. Für die sechs besten Schüler in den Tests habe ich jeweils Kekse verteilt. Gerade die Klasse 5B, die etwas schwierig ist, war noch nie so still, wie als ich die Testergebnisse der einzelnen Schüler vorgelesen habe. Es ist für mich auch echt eine Aufgabe, sich auf den Unterricht vorzubereiten. Denn die im Lehrplan vorgegebenen Stoffe muss ich mir selber erst mal aus englischen Materialien übersetzen, dann aneignen und mich wieder auf Englisch vorbereiten. Zusätzlich möchte ich den Unterricht nicht so trist gestalten, allerdings sind so gut wie keine Materialien vorhanden. Zur Verfügung stehen mir die Tafel, Kreide und das Buch. Die Schüler haben zum Teil selber kein eigenes Science Buch. Ich merke jetzt erst, wie reich die deutschen Schulen an Materialien sind: Overheadprojektor, Filme, Plakate, zahlreiche Arbeitsblätter und Computer. Ich muss die Schüler alles selber malen lassen oder mit meiner mitgebrachten bunten Kreide etwas an der Tafel malen. Ich habe nun schon einige Male Plakate und Stifte für die Schüler gekauft und Arbeitsblätter drucken lassen. Für diese Dinge habe ich Geld von einigen privaten zusätzlichen Spenden genommen, denn ich sehe Unterrichtsmaterialien als eine recht sinnvolle Investition.
So mittlerweile, nach vier Wochen, gibt es auch für jedes Fach in Stufe 5 einen verantwortlichen Lehrer. An den Stundenplan wird sich trotzdem eher grob gehalten, so kann es vorkommen, dass der folgende Lehrer nicht kommt und aus der ursprünglich halben Stunde eine Zwei-Stunden-Einheit wird. Ziemlich anstrengend, denn selbst mir fällt es oft schwer, mich so lange zu konzentrieren. Auch das mit der Pause und der Pünktlichkeit ist relativ, so wird in vielen Fällen viel später angefangen und dafür in die Pause hinein gearbeitet. Allerdings wird die Pause auch nicht als so eine Erlösung, wie in meiner Grundschulzeit, gesehen. Wir sind damals beim Klingeln schnell raus gerannt und haben gespielt, hier bewegt sich die Hälfte träge raus und die Hälfte bleibt sitzen.
Das Lehrerteam ist total nett. Ich sitze mit den Klassenlehrern der Vierten und Fünften zusammen, das sind so drei ältere Männer und drei Studenten. Die Jungen sind Senior High Absolventen, vergleichbar mit dem deutschen Abi und arbeiten nun als Lehrer, um sich das Wochenendstudium zu finanzieren. Der Unterricht von den einzelnen Lehrern ist sehr unterschiedlich, allerdings tendieren sie doch alle zum tristen Frontalunterricht. Einzelne sind mehr enthusiastisch, andere dagegen tendieren dazu, nur Nachplappern zu lassen. Das geht dann so: Der Lehrer erzählt und die Klasse wiederholt und schreibt sich dann ihren Text ins Heft.
Die Hausaufgaben funktionieren genauso, es werden Fragen gestellt, wo die Antworten einfach nur aus den Notizen im Heft zu geben sind. Ich mache es zum Teil nun auch so, denn Recherchen und Aufgaben, bei denen sie ihre Antworten in eigene Worte fassen müssen, haben sie überfordert, und meine Schüler wussten einfach nicht damit umzugehen. Es wird dann oft auch einfach gar nicht gemacht.
Ich sehe aber auch eine Schwierigkeit darin, dass die Schüler eben bilingual lernen: In den meisten Fällen wird zuhause Fanti oder Twi gesprochen, da ist es einfach anspruchsvoll, Definitionen in Englisch in eigene Worte zu fassen. Ich merke es ja selber auch beim Unterrichtvorbereiten, dass es mich fordert, immer alles übersetzen zu müssen.
Hausaufgaben laufen hier echt anders als in Deutschland. Es ist, wie gesagt, einfach nur eine wörtliche Wiedergabe der Notizen, und sie werden auch nicht im Unterricht besprochen. Sie werden nur vom Lehrer korrigiert und dann bewertet zurückgegeben. Was aber ganz gut klappt, ist die Organisation der Hefte. Jede Klasse hat einen Schrank, wo alle Hausaufgaben und Exercisehefte drin liegen, es gibt jeweils einen Jungen und ein Mädchen, die für das Austeilen zuständig sind. So liegen morgens immer meine Hausaufgaben bereits auf meinem Tisch. Es werden die Hausaufgaben auch nicht bis zu nächsten Stunde in der Woche gemacht, sondern immer bis zum nächsten Tag.
Allgemein sind die Lehrer echt nett, ich verstehe mich besonders mit den Jungen sehr gut. Mit dem einen der älteren Lehrer, ich schätze ihn zwischen 60 bis 70 habe ich auch eine tolle Beziehung, er behandelt mich immer so wie sein Enkelkind. Über das Schlagen versuche ich ein wenig hinwegzusehen, denn ich denke, sonst werde ich nie Freundschaften schließen. Es ist schon schwer, einfach so untätig daneben zu stehen. Ich hab auch schon viel über das Thema gesprochen, einige verstehen es und andere sagen, anders würden die Kinder nicht lernen. Ich habe am Anfang immer ziemlich schlucken müssen. Mittlerweile guck ich einfach weg oder gehe woanders hin, um für mich selber mit dem Fakt des Schlagens klarzukommen. Man wird es nicht ändern können. Ich denke über das Thema zu reden und den Lehrern zeigen, dass es auch anders geht, ist die einzige Möglichkeit. Bei einem Lehrer habe ich auch schon bemerkt, dass er sich in meiner Anwesenheit zusammenreißt und nicht schlägt.
Allgemein läuft hier auch sehr viel über Petzen. Den ganzen Tag, im Unterricht und in den Pausen, wird den Lehrern erzählt, was die anderen Schüler so Schlechtes getrieben haben. Ich versuche gar nicht erst darauf einzugehen, aber es wundert mich, denn in Deutschland kenne ich mehr Zusammenhalt unter den Schülern. Ich kann meine Stellung bei den Kindern selber noch gar nicht so leicht einschätzen. Ich bin mir schon bewusst, dass sie deutlich weniger Respekt vor mir haben. Vielleicht ist es auch einfach nur weniger Angst, es ist schwer einzuschätzen. Zumindest gibt es schon echt rührende Situationen, wo ich dann doch glaube, dass sie mich sehr gerne haben. Wenn man die Kinder zum Beispiel in der Stadt trifft, wie sie dann über das ganze Gesicht strahlen. Oder heute habe ich einfach eine Packung Kekse von einer Schülerin bekommen. Wenn man ihnen individuelle Komplimente gibt, merkt man auch, wie stolz sie werden.
Es gab schon manche Momente, wo ich dachte, dass mein Einsatz hier überhaupt nichts bringe, - inzwischen denke ich einfach an das Zwischenmenschliche, das ich meinen Schülern geben kann. Die Klassen A und B sind jeweils mit 38 bis 40 Schülern besetzt. Die 5A ist in Science leistungsstärker als die 5B. Das Problem bei der B ist auch, dass ich eine geistig zurückgebliebene Schülerin in der Klasse habe. Es ist mir aufgefallen, da sie bei jeder Kleinigkeit nach vorne kommt und in den Tests und Notizen ihre eigene Sprache benutzt. Ich hab es bei den anderen Lehrern mal angesprochen, denen und den Eltern ist das Problem bewusst, jedoch gibt es wohl keine alternative Schule, die sich mit solchen Kindern beschäftigt. Charity braucht nämlich etwa eine Stunde, um einen Stift zu finden, die Überschrift zu schreiben und mit einer anderen Farbe zu unterstreichen.
Es kommt übrigens auch echt oft vor, dass einige Schüler länger nicht da sind, die Gründe erfährt man oft nicht. In den meisten Fällen innerhalb der Schulzeit sind es Kopf- oder Magenprobleme. Meine Gastschwester ist auch echt oft krank und ziemlich hart im Nehmen. Sie geht trotzdem jedes Mal in die Schule und quengelt nicht groß rum. Die Ama, meine Zimmergenossin, hatte letzte Woche Malaria, ist trotzdem Snacks in der Schule verkaufen gegangen. Insgesamt sind die Kinder und Jugendlichen nicht so wehleidig wie die Deutschen. Auch in Tro-Fahrten sind die Kinder oft stundenlang ohne Entertainment und sitzen trotzdem ruhig auf dem Schoss. Man sieht allgemein selten Spielzeug.
Die Klassenräume sind mit einer recht großen Tafel, dem Hefteschrank und den Schulbänken
ausgestattet. Es sitzen jeweils zwei Kinder auf einer Bank, an der der Tisch bereits angebracht ist. Allerdings sind die Räume zur Seite hin offen, und es gibt keine Türen. Die Wände sind ab Bauchhöhe nur noch aus Holzstäben, so dass ich so gut wie alles aus den Nachbarklassen mitbekomme. Es ist bisschen umständlich, denn so werden die Schüler viel von den äußeren Einflüssen abgelenkt. Es ist auch kein geschlossenes Gelände, so dass viele Verkäufer vorbeigehen oder einem einfach ein Schaf in das Klassenzimmer läuft. Ich selbst fühle mich durch die offenen Klassenzimmer immer sehr beobachtet. Es wird mir oft über die Schulter geguckt, so dass ich mich oft sehr belächelt vorkomme. Am Anfang war ich davon viel mehr eingeschüchtert, aber nun versuch ich mich davon nicht mehr beeinflussen zu lassen. Zum Teil bin ich auch ganz stolz, wenn die Klasse super mitmacht und dann ein Lehrer vorbeikommt.
Ich genieße meinen Weg hin und zurück immer sehr, denn so kann ich noch mal super abschalten. So kann man den Unterrichtstag immer noch mal in Ruhe reflektieren. Insgesamt ist meine tägliche Laune noch zu sehr von den Unterrichtsstunden bedingt, ich versuche es aber immer distanzierter zu sehen. Denn wenn der Tag mal nicht so erfolgreich war, dann hatte ich immer solche Zweifel an mir, dass ich den ganzen Tag schlecht gelaunt war. An vielen Tagen bin ich richtig mit Bauchschmerzen in die Schule gegangen, weil mich die ganze Situation so sehr unter Druck gesetzt hat. Es war jedes Mal die Angst, die man auch hat, wenn man ein wichtiges Referat halten muss. Ich werde aber immer besser, mir an Kleinigkeiten die gute Laune zurück zu holen.
 
Der Alltag:
Ich muss sagen, dass ich mir Ghana echt sehr gut ausgewählt habe. Bis jetzt hatte ich mit der Pünktlichkeit nur einige Male bisschen Schwierigkeiten, das kann sich zwar noch ändern, denke ich aber nicht. Ich genieße das Entspannte, das Tanzen und das viele Lachen der Ghanaer sehr. Allgemein muss man sagen, dass man als Ausländer hier so unglaublich herzlich aufgenommen wird. Man wird eigentlich grundsätzlich angelächelt und mit "How are you?" begrüßt. Vor allem auch sprachlich wird es einem erleichtert, denn eigentlich spricht jeder Englisch. Die Kinder lieben einen sowieso. Sie kommen immer angelaufen und schreien einem "Obroni" hinterher. Das bedeutet "Weiße" und hört man ziemlich oft am Tag. Viele solcher Momente, wo Kinder einen mit leuchtenden Augen empfangen, haben mir nach einem anstrengenden Schultag echt die Stimmung gerettet. Man wird auch häufig sehr zuvorkommend behandelt. Manchmal wird man in der Stadt einfach von einem Kind gefragt, ob es nicht für einen Tasche tragen kann. Oder abends bekommt man oft kein Tro, weil so viele Menschen nach außerhalb fahren möchten. Ich wurde schon öfters mitgezerrt und einfach vorrangig behandelt. Oder einige Male hat einfach jemand für mich das Taxi mitgezahlt, obwohl ich manchmal gar nicht mit denen kommuniziert habe.
Mit der Anonymität ist es in Ghana eher etwas schwieriger, denn die Hautfarbe lässt einen schon sehr herausstechen. Es ist schon anstrengend, den ganzen Tag angeguckt und angesprochen zu werden. Man steht halt wirklich immer unter Beobachtung. Ich merke es oft, wenn mir Ghanaer oder auch einige meiner Schüler im Nachhinein erzählen, dass sie mich gesehen haben, aber in dem Moment nicht „Hallo“ gesagt haben. Oder wenn man generell irgendwo steht und wartet und sich dann umguckt, trifft man immer auf Blickkontakt. Ich gebe mir echt immer Mühe freundlich zu sein, denn ich denke, man hat eine gewisse Verantwortung bezüglich der Vorurteile. Wenn man sich schlecht benimmt, wird es, glaube ich, schnell generell auf "Weiße" bezogen. Besonders in meinem Dorf achte ich darauf, wie ich rumlaufe und mich benehme, denn ich bin hier die einzige Weiße und dementsprechend leicht wiederzuerkennen…
In Ghana ist offiziell eine Schulpflicht, allerdings wird es nicht ganz so ernst genommen. Denn wenn man in der Stadt herumläuft oder eine Hauptstraße lang fährt, findet man überall die "Hocker". Diese Straßenverkäufer tragen alles auf ihrem Kopf und verkaufen an Ampeln und den typischen Staustellen. Man kann alles zwischen Socken, Essen, Landkarten, Spiegeln, Schuhen und Zahnbürsten kaufen. Es ist jedes Mal sehr amüsant. Diese "Hocker" sind sehr häufig jedoch auch Kinder, die ihrer Familie finanziell helfen. Es ist vor allem ein echt harter Job. Man läuft den ganzen Tag in der Sonne zwischen den Abgasen hin und her und verdient nur unglaublich wenig. Diese Verkäufer und die Schüler in meinem Haus überzeugen mich echt davon, dass das Vorurteil, dass alle Ghanaer faul seien, absolut nicht zutrifft.