Kristin in Vietnam

Es ist Ende Oktober 2010. Da stehen wir nun auf einem von hundert Reisfeldern in Giao Thien, Vietnam, und helfen bei der ersten Reisernte in unserem Leben. In dem Tempo, in dem wir den Reis schneiden, haben die Vietnamesen schon das Doppelte oder Dreifache geschafft. Kein Wunder, das machen sie ja auch schon ein Leben lang. Keiner ist uns böse, dass wir so langsam sind oder man uns nochmal erklären muss, wie man das Messer am besten hält. Alle freuen sich, dass wir dabei sind und haben Spaß daran, uns zu beobachten. Das Reisernten gehörte zu den ganz besonderen Erlebnissen während meines elfmonatigen Freiwilligendienstes in Viet Nam. Aber nicht nur das ist für uns anders, sondern ganz klar auch das Klima, die Menschen und die fremde Umgebung.
Circa 160 Kilometer südöstlich von Hanoi entfernt liegt der Xuan Thuy National Park. Hier unterrichte ich mit einer anderen Freiwilligen Englisch für den Staff des National Parks, nehme an Aktivitäten mit der lokalen Bevölkerung teil und gestalte die Website mit.
Nicht nur an den dreimal wöchentlich stattfindenden Englischunterricht musste ich mich erst gewöhnen, sondern auch an die Tatsache, dass manche Dinge, selbst wenn sie schon im Beginnen sind, irgendwann einfach nicht mehr weitergeführt werden. Das war zum Beispiel bei dem Unterricht in der Secondary- und Highschool der Fall.
Umso mehr hat man sich dann auf andere Dinge gefreut, die umgesetzt werden konnten, wie der Englisch Club in Ngo Dong Town mit ein paar Schülern von der Highschool. Zweimal in der Woche haben wir mit ungefähr acht Schülern Englisch gelernt und nicht nur Wert darauf gelegt, dass die Grammatik ordentlich gelernt wird, sondern es war uns viel wichtiger, die Kreativität der Schüler zu fördern. Mit Spielen haben wir versucht, alle Schüler mit in den Unterricht einzubeziehen, um jedem Schüler die Möglichkeit zu geben sich individuell einbringen zu können.
Der vietnamesische Stundenplan in der Schule ist sehr straff, vor allem in der Highschool. Deshalb haben wir meistens am Abend unterrichtet, denn auch am Wochenende sind vietnamesische Schüler nicht damit beschäftigt, sich mit ihren Freunden zum Quatschen zu verabreden, sondern in den Häusern ihrer Lehrer sich für ihre Prüfungen vorzubereiten.
Unsere Schüler aus Ngo Dong waren so dankbar für den Englischunterricht, dass sie uns zu allen erdenkbaren Anlässen liebe Grußkarten schrieben oder uns zu einem spontanen Picknick einluden oder mit uns „che“ (eine traditionelle vietnamesische süße Dessertsuppe oder Pudding) essen gingen.
Mit den Schülern oder auch einigen Staff-Mitgliedern vom Nationalpark wurde es mit der Zeit dann auch immer einfacher auf Englisch zu kommunizieren. Im „Mushroom Club“ konnte jedoch keiner Englisch sprechen, wodurch wir auch unsere ersten Vietnamesisch-Kenntnissen bekamen. Auch dort freute sich jeder über kleine Gespräche, die man inzwischen führen konnte. Der „Mushroom Club“ ist übrigens ein Projekt vom Nationalpark, das ins Leben gerufen wurde, um das übliche Verbrennen des Reisstrohs nach der Ernte zu unterbinden und zusätzlich der lokalen Bevölkerung ein stabiles Einkommen zu verschaffen, denn die Reisernte ist sehr vom Wetter abhängig. Das Reisstroh wird zur Zucht von Pilzen genutzt. Die Pilzsporen werden in das angefeuchtete Stroh gelegt, und dann wird alles in Beutel verpackt. Innerhalb von ein paar Wochen wachsen die Pilze aus den Beuteln. Das verbrauchte Reisstroh kann als Dünger weiter verwendet werden. Die Pilze werden in Hanoi dann zum Verzehr verkauft.
Unsere Vietnamesisch-Kenntnisse waren auch auf dem Markt oder beim Bus fahren sehr wichtig. Auf den Wegen von Giao Thien nach Hanoi oder umgekehrt kam man nie daran vorbei, mit jemandem vietnamesisch zu sprechen. Die Leute waren immer sehr daran interessiert, woher man kommt, wie alt man ist und ob man nicht schon verheiratet ist.
In der Freizeit haben wir uns mit dem Staff vom Nationalpark unterhalten, sind Kaffee trinken gegangen, haben Fußball gespielt oder haben beim Karaoke unsere Gesangskünste unter Beweis gestellt. In Giao Thien kann man die meiste freie Zeit mit den Staff-Mitgliedern oder Schülern verbringen, wogegen man in Hanoi an einer Vielzahl von Freizeitaktivitäten wählen konnte, fast so wie in einer westlichen Stadt.